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Tocotronic – Sag alles ab

Sag alles ab“ könnte auch das Motto nach dem Kauf der gleichnamigen „Werkschau“ von Tocotronic sein. Das mit 70 Tracks (52 klassischen Tocotronic-Songs plus 18 Raritäten) und einer Gesamtspieldauer von ca. 277 Minuten als sogenanntes Earbook (erhältlich auch in 3 weiteren Varianten u.a. auch als 4 CDs Version mit 52 Titeln) nicht gerade kleine Werk haben die Jungs von Tocotronic passend zum 27-jährigen Jubiläum ihrer Bandgeschichte heraus gebracht. Als Rezensent stellt mich dieses Werk auch vor eine Herausforderung, denn wie geht man mit so einem umfänglichen Best-Of Album um? Daher wird diese Rezension ein wenig anders als sonstige, denn das Besprechen einzelner Tracks würde diesem Werk nicht gerecht werden, da es hier schließlich um die chronologische Geschichte einer Band geht.

Daher beginnen wir auch chronologisch und zwar im Jahr 1993, als sich die drei Hamburger Studenten Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank zusammenfanden und die Band Tocotronic gründeten. Dabei konnte die von Anfang an links-orientierte Band sich schnell in der Szene etablieren und spielte bereits 1994 ihr erstes Konzert in der Roten Flora. 1995 erschien dann mit „Digital ist besser“ ihr erstes Album, von dem auch die ersten fünf Tracks von „Sag alles ab“ stammen. Das Album wird in der heutigen Rückschau meist als eines der besten Debütalben aller Zeiten gehandelt. Dabei zeichnen sich die Tracks auf der Platte vor allem durch ihre klare Pop-Punk-Struktur und die eingängig gesungenen Parolen aus.

Bereits vier Monate später folgte „Wir kommen um uns zu beschweren“, welches ein wenig im Schatten von „Digital ist besser“ steht und daher lediglich durch „Du bist ganz schön bedient“ und „Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss“ auf dem Datenträger vertreten. Musikalisch und textlich blieb die Platte dem Stil von „Digital ist besser“ treu und trug weiter „jammernd“ die Probleme von Mitzwanzigern vor. 1996 folgte dann bereits das dritte Studioalbum „Wir kommen um uns zu beschweren“. Welches als erstes den Sprung in die Charts schaffte und dabei bis auf Platz 47 vorrücken konnte. Musikalisch blieb auch 1997 mit „Es ist egal, aber“ alles beim Alten, die Platte schaffte es jedoch bereits bis auf Platz 13 der deutschen Charts.

Wir sind mittlerweile bei Track 17 „Let there be Rock“ und dem 1999 erschienen Album „K.O.O.K.“ angelangt. Das Album, welches es bis auf Platz 7 der deutschen Albumcharts schaffte, zeigt wohl die erste tiefere Weiterentwicklung von Tocotronic. Die Texte wurde abstrakter und weniger persönlich. Das sorgte auch dafür, dass das Album damals eher gemischt aufgenommen wurde. 2002 folgte mit „Tocotronic“ ihr bereits sechstes Album, welches deutlich ruhiger als die vorherigen Platten daherkommt, mit „Hi Freaks“ einen der besten Tracks von Tocotronic bereithält.

2003 feierten die Jungs dann bereits ihr Zehn-jähriges Bestehen. Zusätzlich schloss sich Rick McPhail als Keyboarder und Gitarrist der Band an. Es folgte 2005 „Pure Vernunft darf niemals siegen“, die Platte schaffte es bis auf Platz 3 der deutschen Albumcharts und zeichnet sich musikalisch durch einen gewollt asketischen Klang aus und das Leid der Mittzwanziger ist vollends  dem künstlerischen gewichen.

Dennoch sind mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und „Aber hier leben, nein danke“ zwei echt Highlights der Bandgeschichte vertreten. Als Gegenstück zur deutschen Aufbruchsstimmung sah sich das 2007 veröffentlichte „Kapitulation“, welches auch den Titeltrack zu „Sag alles ab“ beisteuerte und mit 5 Tracks auf diesem Best-Of vertreten ist.

Das erste Platz 1 Album folgte mit Album Nr. 9  „Schall & Wahn“ erst im Jahr 2010. Bei den Kritikern kam dieses Album sehr gut an und steuert mit „Eure Liebe tötet mich“, „Macht es nicht selbst“, „Die Folter endet nie“ und „Im Zweifel für den Zweifel“ vier Tracks zu „Sag alles ab“ bei. Zum 20-jährigen Jubiläum folgte dann das 10. Album „Wie wir leben wollen“. 2015 folgte das sogenannte „Rote Album“, welches die Jungs als Konzeptalbum zum Thema Liebe bezeichnen.

Deutlich persönlicher wurde auch das 2018 erschiene 11. Album der Band. In „Die Unendlichkeit“ geht es vor allem um das Leben des Frontsängers Dirk von Lowtzow. Damit sind wir bei Lied 51 auf „Sag alles ab“ angekommen. Es folgt noch der im Frühjahr dieses Jahres erschiene Track „Hoffnung“ sowie diverse B-Seiten und Live-Songs.

FAZIT:Sag alles ab“ bietet wohl den umfänglichsten Einblick in die Geschichte der Band Tocotronic. Mir stellt sich jedoch ein bisschen die Frage, an wen sich dieses Album richten soll. Tocotronic-Fans besitzen vermutlich alle Alben. Als Tocotronic-Interessierter ist man wohl ein wenig erschlagen von der puren Anzahl der Tracks. Zusätzlich fehlt bei „Sag alles ab“ immer der Gesamtkontext der einzelnen Alben, sodass es meiner Meinung nach mehr Sinn macht, sich jedes Album für sich anzuhören.

Grundsätzlich ist Tocotronic jedoch eine der ikonischten deutschen Bands und „Sag alles ab“ konnte bei mir einige nostalgische Gefühle wecken. Eigentlich müssten Tocotronic für ihr Gesamtwerk eine 10/10 bekommen, da jedoch wie bereits erwähnt für mich der große Reiz auch in der Komplexität und Dynamik der einzelnen Alben liegt, erhält „Sag alles ab“ von mir 8 von 10 möglichen Punkten.

--> Musikvideo: Tocotronic - Hoffnung

 

 
Bewertung:

GENRE: Rock

TRACKLIST:

1. Drüben auf dem Hügel
2. Meine Freundin und ihr Freund
3. Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
4. Freiburg
5. Hamburg rockt
6. Du bist ganz schön bedient
7. Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss
8. Die Welt kann mich nicht mehr verstehen
9. Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
10. Ich verabscheue Euch wegen Eurer Kleinkunst zutiefst
11. So jung kommen wir nicht mehr zusammen
12. Gehen die Leute
13. Sie wollen uns erzählen
14. Dieses Jahr
15. Nach Bahrenfeld im Bus
16. Das Unglück muss zurückgeschlagen werden
17. Let there be rock
18. Die Grenzen des guten Geschmacks 2
19. Jackpot
20. Morgen wird wie heute sein
21. This boy is Tocotronic
22. Hi Freaks

23. Free hospital
24. Neues vom Trickser
25. Aber hier leben, nein danke
26. Gegen den Strich
27. Ich habe Stimmen gehört
28. Pure Vernunft darf niemals siegen
29. Mein Ruin
30. Imitationen
31. Kapitulation
32. Sag alles ab
33. Explosion
34. Eure Liebe tötet mich
35. Macht es nicht selbst
36. Die Folter endet nie
37. Im Zweifel für den Zweifel
38. Wie wir leben wollen
39. Auf dem Pfad der Dämmerung
40. Ich will für Dich nüchtern bleiben
41. Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools
42. Prolog
43. Ich öffne mich
44. Die Erwachsenen
45. Rebel boy
46. Zucker
47. Spiralen
48. Die Unendlichkeit
49. Electric guitar
50. Hey Du
51. Bis uns das Licht vertreibt
52. Hoffnung

53. Jungfernfahrt (live B-Sides Festival Schweiz 2015)
54. Stürmt das Schloss (live Radio Sputnik Halle 2010)
55. Aufruhr (Demo 2016)
56. Drüben auf dem Hügel (live FM4 Radio Session Wien 2007)
57. Total Folk (live Fama Kino Hamburg 1994)
58. Ich bin drei Schritte vom Abgrund entfernt (live Village Radio Amsterdam 1995)
59. Macht es nicht selbst (Demo 2008)
60. Höllenfahrt am Nachmittag (Demo 2012)
61. Neutrum (Demo 2012)
62. Prolog (instrumental 2015)
63. Unendlicher Hass (Demo 2011)
64. Dein geheimer Name (Demo 2006)
65. Keine Meisterwerke mehr (live Arena Wien 2010)
66. Zwischen den Mauern (Demo 2016)
67. Ich möchte irgendetwas für Dich sein (live Roskilde Festival 1997)
68. Aber hier leben, nein danke (feat. Monchi Fromm)(live Planetarium Berlin 2018)
69. Kapitulation (feat. Joy Denalane) (live Planetarium Berlin 2018)
70. 17 (live FM4 Frequency Festival St. Pölten 2012)

VÖ: 21.08.2020
Format: 4 CDs / 2/3 LPs / Digital
Label: Vertigo Berlin
Vertrieb: Universal
Auf Tour im Norden: 13.08.2021 HAMBURG, Stadtpark Freilichtbühne

Rezensent: Jannik