Mitternachtsschwimmer

Antje

Von Roisin Maguire

Erscheinungstermin: 15. Juli 2024
Genre: Roman / Psychologische Fiktion
Einband: Hardcover / Gebundene Ausgabe
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN: 978-3-8321-6829-2

Verlag: DuMont Buchverlag

Bewertung: 8 von 10
Klappentext:

Ballybrady, ein kleines Dorf an der irischen Küste. Hier lebt Grace allein und zurückgezogen. Ihre Tage verbringt sie mit Schwimmen, Quilten (Nähtechnik, bei der drei Lagen) und ihrem Hund. Grace ist stur und ruppig, dann wieder eine Seele von Mensch. Um Geld zu verdienen, vermietet sie ein Cottage an Touristen. Touristen wie Evan, der an einem tragischen Verlust zu zerbrechen droht. Eine Woche in Ballybrady soll ihn wieder auf Kurs bringen – doch es kommt alles anders. Und Evan erkennt, dass es Hoffnung geben kann, auch wenn man glaubt, alles verloren zu haben.

Rezension:

Ballybrady — ein winziges Küstendorf, dessen Klippen und Wellen eine Geschichte erzählen, so alt wie die Zeit. Dort lebt Grace, zurückgezogen und widerspenstig, zugleich aber mit einem zaghaften Herzen. Sie schwimmt im Meer, quiltet Stoffstücke, spricht wenig, versteht viel — und hütet ihre Vergangenheit wie eine zerbrechliche Muschel.

Der Fremde, der in ihr Cottage einzieht, ist Evan. Ein Mann, dessen Seele vom Verlust geprägt ist: seine Tochter ist gestorben, die Ehe zerrüttet, das Leben scheint sich wie Wasser glatt zu ziehen, ohne Halt. Aus Belfast geflohen, sehnt er sich nach Stille — einer Woche Ruhe, ausreichend, um neu atmen zu lernen.

Doch dann kommt der Lockdown — nicht nur eine äußere Auszeit, sondern ein innerer Aufbruch. Die Pandemie hält die Welt an, doch in Ballybrady beginnen die inneren Uhren neu zu ticken. Evan begegnet Grace, und die rauen Klippen des Schmerzes und der Traurigkeit formen langsam etwas anderes: Berührung, Vertrauen, vielleicht Heilung.

Evan trifft auch auf Luca, seinen tauben Sohn, von dessen stummen Blicken und stillem Mitgefühl er mehr lernen kann als durch Worte. Und dann ist da Becky, die liebenswerte Ladenbesitzerin, die mit warmem Blick einen Fremden in der Dorfgemeinschaft willkommen heißt.

Grace, zunächst abweisend, zeigt sich zunehmend ausdrucksstärker. In der Stille zwischen den Gesprächsfetzen, in Momenten am Meer, beginnt sie, sich zu öffnen — ein Quilt wird zum Symbol für verwobene Schicksale; das Schwimmen in der Nacht, zum Bild für Mut zur Tiefe.

Die Figuren verflechten sich: Grace, die nur durch das Wasser wirklich lebendig scheint, Evan, der mit der Stille hadert, Luca, dessen Schweigen lauter spricht als Worte. Eine Gemeinschaft, eigenwillig und zart zugleich, beginnt, Brücken zu bauen. Schmerz bleibt. Aber nun auch die Ahnung eines neuen Beginns.

Roisin Maguire zeichnet die Atmosphäre detailreich: das Brausen des Meeres, den salzigen Wind, die stille Schwesterlichkeit der Quilts. Die Pandemie, in diesem Setting, wird nicht zum vordergründigen Thema, sondern zum unerwarteten Katalysator. Sie zwingt Evan festzustecken — doch in diesem Feststecken liegt die Chance zur Rückkehr, zur Verbindung.

Die Sprache ist sanft und doch ungeschönt, nüchtern und zugleich poetisch. Handlung und Figurenentwicklung verschmelzen in einer ruhigen Kraft: Grace’ Wandlung, vielleicht nicht vollständig, aber erkennbar; Evans langsames Erwachen; Lucas stille Präsenz; die Dorfgemeinschaft, die in ihrer Schroffheit zärtlich wird. Hier liegt eine Einladung, aufmerksam zu sein — für das Flüstern zwischen den Zeilen, das im Wasser, im Regen, in den Blicken geschieht.

Fazit:

Mitternachtsschwimmer ist ein leiser Roman mit großer Wirkung. Er erzählt von Menschen am Rand, von Trauer, Verlust — und von zögerndem Aufbruch. Ohne Pathos, aber voller Wärme, fängt er die Stille zwischen den Worten ein und zeigt, wie Gemeinschaft, Mut und Natur zur heilenden Kraft werden können. Für alle, die sich in Zwischenräumen bewegen, in Neuanfängen oder im Aufbruch zu sich selbst — hier findet sich trostvolle Gesellschaft.

Autorin:

Roisin Maguire lebt in Nordirland. Sie studierte Kreatives Schreiben an der Queen’s University und arbeitete unter anderem als Türsteherin in einem Nachtclub, als Busfahrerin und Grundschullehrerin. Sie ist leidenschaftliche Sporttaucherin, Anglerin und Ganzjahres­schwimmerin – Liebe zur rauen Natur und zum Wasser durchzieht auch ihre Gestaltung der Geschichten.


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